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Nativ

Bio- und Diskografie von Nativ
Schweiz
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Musikrichtung: Rap/Hip-Hop
Biografie:
Nativ: Zwischen Bern, Biel und Abidjan: Die Stimme einer neuen Schweiz

Schweizer Rap hat viele Gesichter. Doch nur wenige verbinden politische Klarheit, poetische Tiefe und musikalische Vielseitigkeit so selbstverständlich wie Nativ. Hinter dem Künstlernamen steckt Thierry Gnahoré (1993), Rapper mit Wurzeln in der Elfenbeinküste, aufgewachsen zwischen Niederscherli, Bern und später Biel.

Seine Musik ist kein lautes Muskelspiel, sondern reflektierter Real Talk. Statt plumper Parolen liefert Nativ Empathie, Haltung und Flow – und gehört damit zu den prägendsten Stimmen des aktuellen Schweizer Hip-Hop.

Zwischen Dorf-Idylle und Großstadt-Beton: Der Werdegang eines Rebellen

Niederscherli bei Bern klingt nach Postkarten-Idylle, war für Thierry Gnahoré jedoch der Startpunkt einer komplexen Identitätssuche. Geprägt von den starken Frauen in seinem Leben – Mutter, Großmutter und Schwester –, wuchs er ohne seinen ivorischen Vater auf. Diese familiäre Basis bildet bis heute den Anker für seine oft tiefgründigen Texte.

Seine ersten Rhythmen klopfte er noch auf der westafrikanischen Djembé, doch der Bass des Hip-Hop zog ihn schließlich unwiderruflich in seinen Bann. Mit 15 Jahren folgte der Cut: Umzug nach Bern, raus aus der Provinz, rein in die Szene. Die Metamorphose vom Fan zum Fixstern der Schweizer Rap-Welt nahm hier ihren Lauf.

Bevor die Charts riefen, klopfte allerdings erst einmal ein Skandal an die Tür. Wer erinnert sich nicht an das legendäre Selfie mit François Hollande? Ein heimlich ausgestreckter Mittelfinger in Richtung des französischen Präsidenten kostete ihn fast seinen Job bei der Stadt Bern. Es war die erste öffentliche Kostprobe seines Markenzeichens: Nativ lässt sich nicht verbiegen – weder von Autoritäten noch vom System.

Der S.O.S.-Hype und das Erbe des Baobab

Spätestens mit der Crew S.O.S. (Saviours of Soul) war klar: In Bern braut sich etwas Gewaltiges zusammen. Zusammen mit seinem Partner Dawill riss Nativ das verstaubte Image des Schweizer Raps ein. Das Duo lieferte den Beweis, dass Berner Dialekt auf harten Trap-Beats nicht nur funktioniert, sondern die Clubs komplett zerlegen kann. Doch während die Crew den Hype entfachte, lieferte Nativ solo die absolute Definition seines Sounds ab.

Mit dem 2018er-Release „Baobab“ – eine Hommage an den Bieler Laden seiner Mutter und den afrikanischen Lebensbaum – verschob er die Koordinaten der hiesigen Musiklandschaft. Ohne den Support eines Major-Labels, rein über die eigene Vision, ballerte das Album direkt auf Platz 3 der Charts.

Die Fachpresse verneigte sich und kürte die Platte zum „Album des Jahres“. Der Grund? Nativ tauschte hohle Aggression gegen reflektierte Empathie. In Tracks wie Sira verschmelzen die traditionellen Klänge der westafrikanischen Kora mit modernen Produktionen zu einem Vibe, den die Schweiz in dieser Intensität bis dato nicht kannte.

Haltung statt Hype: Identität als politisches Statement

Rassismus und Ausgrenzung fungieren bei Nativ nicht als bloße Buzzwords für das Image. Er verkörpert diese Themen, weil er sie täglich atmet. Oft findet er sich in einer paradoxen Zwischenwelt wieder: In der Schweiz als „der Schwarze“ wahrgenommen, gilt er bei seinen Besuchen in Afrika als „der Weisse“. Diese Zerrissenheit nutzt er nicht zur Selbstdarstellung, sondern für eine lyrische Tiefenschärfe, die im oft oberflächlichen Rap-Business ihresgleichen sucht.

Für Thierry Gnahoré ist das Mikrofon mehr als ein Werkzeug – es ist sein Ventil. „Musik ist für mich Therapie. Ein Tagebuch, das mir hilft, klarzukommen“, betont er immer wieder. Dieser Ansatz zieht sich wie ein roter Faden durch neuere Meilensteine wie „Marathon“ oder „Reset“. Er lebt eine Konsequenz, die im Zeitalter von Influencer-Deals fast schon radikal wirkt: Lukrative Kooperationen mit Großkonzernen lässt er eiskalt platzen, wenn sie nicht mit seinem moralischen Kompass matchen.

Haltung schlägt bei ihm den schnellen Franken. Das bewies er auch eindrücklich bei der „Reset“-Plattentaufe. Statt nur sich selbst zu feiern, räumte er die Bühne für Newcomer und schaffte es, alte Gräben zu schließen, indem er sich öffentlich mit Weggefährten versöhnte. Nativ zeigt der Szene, dass wahre Größe nicht durch Goldketten, sondern durch Rückgrat und Community-Spirit definiert wird.

Die Discography-Checkpoints: Nativs Weg zum Zenit

Wer seinen Katalog durchforstet, liest eine Chronik des Wachstums. Hier sind die Releases, die man gehört haben muss, um den Hype zu verstehen:

  • MVZ Vol. 1 & 2: Die Blaupause. Mit diesen Mixtapes krempelte Nativ den Berner Untergrund auf links und bewies, dass man auch ohne Budget eine riesige Community mobilisieren kann.

  • Baobab (2018): Der Gamechanger. Dieses Album katapultierte ihn an die Spitze der Rap-Szene. Musikalisch visionär, textlich eine Offenbarung – die endgültige Krönung zum einflussreichsten Rapper des Landes.

  • Radiation World (2020): Der Experimentierkasten. Im Kollektiv Psycho ’n’ Odds tauchte er in düstere, futuristische Soundwelten ab. Ein Beweis dafür, dass Nativ keine Angst vor Genre-Grenzen hat.

  • Marathon (2022): Die nackte Wahrheit. Ein radikal ehrliches Solo-Werk, das ohne viel Schnickschnack auskommt. Es ist eine Hymne auf die Ausdauer und eine tiefenpsychologische Reise zu seinen eigenen Wurzeln.

  • Reset (2024): Der Befreiungsschlag. Hier schließt sich der Kreis. „Reset“ steht für die Rückbesinnung auf das Wesentliche, für Versöhnung und den mutigen Blick nach vorn – ein moderner Klassiker, der zeigt, dass er auch 2026 das Tempo vorgibt.

Nativ: Realness als Religion

Thierry Gnahoré ist das seltene Beispiel eines Künstlers, der mit seinem Erfolg mitgewachsen ist, ohne seine Seele zu verkaufen. Nativ liefert keinen Eskapismus, sondern Konfrontation – aber immer mit einer Prise Hoffnung und einer unglaublichen musikalischen Finesse. Er hat den Schweizer-Rap von seinem „Nischending“-Image befreit und ihm eine Relevanz verliehen, die weit über die Landesgrenzen hinaus spürbar ist. In einer Welt voller Kopien bleibt er das Original, das genau dann laut wird, wenn alle anderen schweigen.

* Titelbild: Foto: © 

Diskografie:
Nativ:

2015

MVZ Vol.1

2017

MVZ Vol.2

2018

Baobab

2019

Awful

2022

Marathon

2023

MVZ Vol. 2.1

2023

Awful 1.1

2023

Babi Pack EP

2025

Antiphony EP

2025

Reset

Psycho’n’Odds:

2020

Radiation World

2020

Radiated Universe EP

Nativ & Pablo Nouvelle :

2023

Embrace

5 Songs:
Die Food'n'bass Playlist:

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